Dramatischer Zustand der Wälder: Wo Landwirte und Waldbesitzer handeln müssen
Der Waldzustandsbericht 2024 für Brandenburg ist alarmierend. Die Bauernzeitung hat Forst- und Jagdverbände gefragt, was sie tun würden, um Abhilfe zu schaffen. Was so dramatisch ist und welche Vorschläge die Verbände formuliert haben:
Dem Wald in Brandenburg geht es weiterhin sehr schlecht. Das sieht man, es kann aber auch gemessen werden. Die Waldzustandserhebung (WZE) liefert seit mehr als 30 Jahren die Daten für die Bewertung des Waldgesundheit, und die war selten schlechter als heute. Nur 15 % der Waldbäume sind demnach rein optisch noch gesund, 32 % weisen deutliche Schäden auf: doppelt so viele wie 2023. Nur 1991 (33 %) und 2019 (37 %) war der Anteil noch höher.
„Der Brandenburger Wald zeigt sich in einem dramatischen Zustand“, konstatierte Agrarministerin Hanka Mittelstädt als sie Ende Januar gemeinsam mit Dr. Ulrike Hagemann und Dr. Rainer Hentschel vom Landeskompetenzzentrum Forst den Waldzustandsbericht 2024 vorstellte. „Um eine großflächige Naturverjüngung zu erreichen, brauchen wir daher ein konsequentes Jagdmanagement und die Mithilfe der rund 100.000 Privatwaldbesitzenden beim Waldumbau in Brandenburg. Nur so schaffen wir es, unseren Wald an die Auswirkungen der Klimaveränderungen anzupassen“, deutete Mittelstädt mögliche Handlungsoptionen an, blieb aber eher vage.
Zu den Ursachen der schlechten Waldgesundheit
Am deutlichsten (Schadstufe 2-4) sind Buche (64 %) und Eiche (75 %) geschädigt: die höchsten jemals beobachteten Werte. Schadlos sind nur noch fünf Prozent der Buchen und drei Prozent der Eichen. Bei Brandenburgs Brotbaum, der Kiefer, zeigen 17 % deutliche Schäden, nur noch 19 % zeigen sich schadlos (2023: 30 %).
Als Ursachen der Vitalitätsverluste nennen die Experten zum einen die Witterungsbedingungen in den Trockenjahren 2018 bis 2020 und 2022. Den geschwächten Bäumen habe ein Jahr mit besser Wasserversorgung nicht gereicht, um sich vollständig zu regenerieren. Zudem schädigten die Spätfröste Ende April die frisch ausgetriebenen Blätter der eh schon angeschlagenen Bäume.
Waldschäden in Brandenburg: Wildverbiss und Waldumbau
In 2024 wurden im Zusammenhang mit dem Waldumbau 742 Förderanträge mit 6,72 Mio. Euro bewilligt. Künstlicher Waldumbau könne immer nur eine Unterstützung sein, die große Fläche müsse über Naturverjüngung kommen, heißt es aus dem Agrarministerium. „Für einen klimaresilienten Mischwald braucht es in der Verjüngungsschicht eine Baumartendiversität und eine ausreichende Dichte ungeschädigter Jungpflanzen.
Sowohl die Ergebnisse der IV. Bundeswaldinventur als auch die ersten Ergebnisse aus dem Verjüngungszustand- und Wildeinflussmonitoring (VWM) zeigen einen zu hohen Wildverbiss. Die jungen Eichen sind zu 43 % verbissen. Bei den jungen Buchen liegen die Verbissschäden bei 30 %. Auch die anderen Laubbäume weisen mit 29 % Verbiss einen zu hohen Wert auf“, konstatiert das Ministerium. Durch den selektiven Wildverbiss, insbesondere seltenerer Laubbaumarten finde eine „Entmischung“ statt, die das Ziel der Entwicklung widerstandsfähiger Mischwälder gefährde. Wichtige Baumarten würden in der Verjüngung völlig fehlen. „Um das zu ändern brauchen wir ein konsequentes Jagdmanagement “, bekräftigte die Ministerin.
Saatgut reicht nicht aus
Hochwertiges Saatgut ist für einen erfolgreichen Waldumbau unabdingbar. 2023/2024 konnten 14 t Stieleiche, 7 t Hainbuche, 13 t Lärchenzapfen und 5 t Esskastanie geerntet werden. Die Traubeneiche lieferte mit 51 t ein durchschnittliches Ergebnis. Insgesamt wurden 140 t Saatgut von 15 Baumarten geentet. Trotz dieser Mengen reiche das Saatgut aber nicht aus, um ohne Naturverjüngung die nächste Waldgeneration sicher zu stellen, schätzt das Ministerium ein.
Illegale Müllentsorgung im großen Stil
Ein Dauerproblem, besonders im berlinnahen Raum, ist die illegale Müllablagerung. 2023 wurden dem Bericht zufolge rund 6.000 m³ Müll in Brandenburger Wäldern erfasst, allein das Einsammeln mehr als 2,1 Mio. Euro.
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entgegenzuwirken, schlägt der Waldbesitzerverband vor.
© Sabine Rübensaat
Brandenburgs Wald braucht Hilfe: Verbände präsentieren Maßnahmenkatalog
Von Jagd bis Pflanzenschutz: Angesichts der zunehmenden Dramatik wollten wir von Brandenburger Vereinen und Verbänden, die im Wald zu Hause sind, wissen, was aus ihrer Sicht am dringendsten getan werden muss, um die Waldschäden in Brandenburg zu beheben, damit es dem Wald rasch und nachhaltig besser geht.
Landesjagdverband Brandenburg: Brennpunktbejagung auf Verjüngungsflächen
Die bisherige Jagdstrategie, die sich nahezu ausschließlich auf den Abschuss von Wildtieren konzentriert, hat wenig bis keinen Erfolg gebracht, wie die aktuellen Zahlen belegen. Besonders der hohe Jagddruck auf Reh- und Hirschbestände hat den Verbissdruck eher verstärkt.
Um nachhaltige Erfolge zu erzielen, sind neue Konzepte erforderlich, die in vielen privaten Wäldern bereits erfolgreich umgesetzt wurden. Die derzeitige Strategie des Landesforstbetriebs verursacht hohe Kosten und bindet Personal, ohne nennenswerte Ergebnisse zu liefern. Vorgeschlagen wird eine verstärkte Brennpunktbejagung auf Verjüngungsflächen, auf denen Wildtiere gezielt gejagt werden, um den Verbissdruck zu reduzieren.
Zusätzlich sind großflächige Wildruhezonen nötig, in denen die Jagd ruht, damit Wildtiere ungestört Nahrung finden können, ohne dem Jagddruck ausgesetzt zu sein. Alternative Nahrungsangebote wie Biotopflächen, Wildwiesen oder Wildäcker bieten eine weitere Möglichkeit, den Druck auf Waldbestände zu verringern und alternative Nahrung anzubieten.
Zudem ist mehr Personal im Forstbereich notwendig. Außerdem darf nicht nur auf Naturverjüngung gesetzt werden – Pflanzungen und Saaten müssen gleichermaßen erfolgen.
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an. (Symbolbild) © Sabine Rübensaat
Familienbetriebe Land und Forst Brandenburg: Größerer Handlungsspielraum, mehr Finanzen
1. Keine neuen Auflagen und Verbote: Waldbesitzer müssen ihre Wälder eigenverantwortlich und nachhaltig bewirtschaften können.
2. Holz als nachhaltigen Rohstoff fördern: Holz muss als wertvolle, erneuerbare Ressource und Energieträger stärker genutzt werden.
3. Finanzielle Unterstützung: Unbürokratische und vor allem nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten für Aufforstung und Waldumbau sind notwendig. Fördermittel allein reichen zur Bewältigung des Waldumbaus nicht – innovative Finanzierungsmodelle sind gefragt!
4. Mehr Entscheidungsfreiheit für Waldbesitzer: Waldbesitzer brauchen praxisorientierte Beratung für die eigenen Zukunftsentscheidungen, vor allem mehr Flexibilität bei der der Förderung unterliegenden Baumartenwahl, um klimafeste Wälder zu schaffen.
5. Förderung forstwirtschaftlicher Zusammenschlüsse: Die Vernetzung und Fortbildung im Kleinprivatwald muss gestärkt werden.
6. Konsequentes Jagdmanagement: Ein gezieltes Jagdmanagement ist notwendig, um Schäden durch Wildtiere zu verhindern und den Waldumbau zu unterstützen.
7. Pflanzenschutzmittel: Den Einsatz unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse genehmigen, um intakte Waldbestände zu schützen.
Waldbesitzerverband Brandenburg: Waldbrände möglichst verhindern
Um Waldbrände zu verhindern und ihre Auswirkungen zu minimieren, schlagen wir vor:
1. Öffentlichkeitsarbeit: Eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren von Waldbränden und das richtige Verhalten im Wald kann zur Prävention beitragen.
2. Brandbekämpfung und -eindämmung: Gut ausgebildete Feuerwehren und Rettungskräfte sind unerlässlich, um Brände effektiv zu bekämpfen und ihre Ausbreitung einzudämmen.
3. Ausbau und Instandsetzung von Waldwegen: Gewährleistung freier Zufahrtswege für Feuerwehren und Rettungsdienste
Die Sperrung von öffentlichen Wegen durch Schranken ist eine wirksame Maßnahme, um illegale Müllablagerungen im Wald zu verhindern. Besonders betroffen: abgelegene Waldwege, die mit Fahrzeugen leicht erreichbar sind. Die Errichtung von Schranken ist daher eine sinnvolle Maßnahme, um illegale Müllablagerungen zu verhindern und den Wald langfristig zu schützen.
Zum Thema Jagd möchten wir auf den Vorschlag des Forum Natur Brandenburg „Jagd und Wildtiermanagement als Herausforderung der Zeit“ (1.11.2020) verweisen. Die Herausforderungen im Wald sind ohne jagdliches Management nicht zu bewältigen. Zusammenarbeit und Dialog mit den Jägern und der Gesellschaft sind gefragt!
Waldbauernverband: Pflanzung und Saat auch fremdländischer Arten
Pflanzung oder Saat unterschiedlichster Baumarten lautet das Gebot der Stunde. Nur allein mit Naturverjüngung (der bereits vorhandenen Bäume) lässt sich der Wald in Brandenburg nicht klimastabil machen. Dazu ist es erforderlich, die bisherigen Beschränkungen des Forstvermehrungsgutgesetzes aufzuheben. Dieses Gesetz verhindert die notwendige genetische Vielfalt für den künftigen Wald und verlangt beispielsweise, dass in Brandenburg nur Bäume aus Mitteldeutschland gepflanzt werden dürfen. Auch der Anbau fremdländischer Baumarten muss unkompliziert möglich und auch förderfähig sein. Denn wenn in 100 Jahren hier klimatische Verhältnisse herrschen wie in Nord-Griechenland, sind auch Bäume nötig, die an dieses Klima angepasst sind.
Die Mischung machts. Nicht nur Baumarten sollte man mischen sondern auch junge und alte Bäume auf engem Raum nebeneinander. Das fördert die Stabilität bei Sturm aber auch bei Insektenbefall. Es ist an der Zeit für die Waldbesitzer die Weichen richtig zu stellen. Die Waldbauernschule unterstützt mit ihren Schulungsangeboten, gefördert durch das Land Brandenburg. Der Verein Waldbauernschule Brandenburg führt seit 15 Jahren dezentrale Schulungen durch und hat mittlerweile rund 8.000 Waldbesitzer in über 620 Veranstaltungen geschult.
LAG der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer: Keine belastbaren Zahlen für Wildeinfluss
Der Waldzustandsbericht kommt nicht überraschend. Wer aufmerksam durch unsere Wälder geht, kann die Kronenschäden selbst feststellen. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden vermag aber aus den Zahlen im Bericht keine belastbare Beurteilung des Wildeinflusses erkennen.
Zum einen läuft das auf fünfjährige Wiederholung ausgelegte Monitoring erst seit vier Jahren. Zum zweiten wird zwar im Text darauf hingewiesen, dass Alter, Grad des Kronenschlusses und Baumartenzusammensetzung des Oberbestandes miterfasst werden. Aus dem Zahlenwerk geht hierzu aber gar nichts hervor. Außerdem fehlen die Zahlen aus dem Nordosten, wo die verjüngungsfreudigsten Waldbestände stehen mit reichhaltiger Artenzusammensetzung.
Die Jagdgenossenschaften werden deshalb handeln wie bisher: Die Abschussplanung muss sich nach der örtlichen Wildschadenbelastung in den zu verjüngenden Waldbeständen richten. Das Zahlenwerk zeigt immerhin die Vorliebe des Schalenwildes, Eichen zu verbeißen. Die Regelungen zu Schutzvorrichtungen in der Jagdverordnung sind deshalb zu überprüfen.
Ökologische Jagdverein: Neues Jagdrecht sollte Eigentümer stärken
Der Ökologische Jagdverein Brandenburg-Berlin teilt die Einschätzung der Ministerin. Der ebenso klaren wie erschütternden Diagnose müssen aber auch Taten folgen. Die zentrale Bedeutung der Jagd für den Waldumbau ist nun anerkannt. Jetzt kommt es darauf an, das Jagdrecht so zu reformieren, dass die Interessen der Waldeigentümer gegenüber denen der Jagdpächter deutlich gestärkt werden. So muss etwa mehr Waldeigentümern die Möglichkeit gegeben werden, in ihrem Wald selbst zu jagen. Das geht durch Verringerung der Mindestgröße für Eigenjagdbezirke, durch einen Rechtsanspruch auf einen Begehungsschein auf den eigenen Flächen, durch die Möglichkeit für Forstbetriebsgemeinschaften, selbst Eigenjagdbezirke zu bilden.
Die Jagdpachtverhältnisse müssen flexibler werden. Mindestpachtzeiten sind abzuschaffen und durch eine Höchstpachtdauer von deutlich unter zehn Jahren zu ersetzen. Nur so können Eigentümer einen Jagdpächter, der seinen Aufgaben nicht nachkommt, auch in absehbarer Zeit wieder loswerden.
Die Jagdzeiten sind unter Berücksichtigung wildbiologischer Aspekte so zu gestalten, dass die tatsächlichen Jagdaktivitäten flexibel an Witterungsbedingungen und und Schadenslagen angepasst werden können.
Haben Sie selbst Wald? Was schlagen Sie vor?
Vorschläge an: brandenburg@bauernzeitung.de
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